06. Januar 2019

Die AWMF warnt vor Fake News und unseriöser Wissenschaft.

Deutsche Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin


Medizinische Fachgesellschaften warnen vor Patientengefährdung durch wissenschaftliche Fake News

Deutsches Ärzteblatt

Düsseldorf – Falschnachrichten, Pseudowissen und unseriöse Forschung breiten sich immer mehr aus und gefährden die Patientensicherheit und die Versorgung. Davor hat die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) gewarnt.

„Die Integrität medizinischer Forschung ist eine wesentliche Grundlage für die Einführung wirksamer Diagnose- und Behandlungsverfahren“, sagte AWMF-Präsident Rolf Kreienberg auf der vergangenen Delegiertenkonferenz. Seriöse Forschung bilde sich unter anderem in systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration und in medizinischen Leitlinien ab, die von den 180 in der AWMF zusammen­geschlossenen Fachgesellschaften entwickelt und verbreitet würden. „Demgegenüber breiten sich aber unseriöse Informationen ungehemmt aus – dadurch sehen wir Patienten in Gefahr“, so der AWMF-Präsident.
Ein wesentlicher Grund dieser Fehlentwicklung sind laut AWMF falsche Belohnungs­systeme in der Wissenschaft. „Masse zählt anstatt Klasse“, sagte Gerd Antes, ehemaliger Direktor von Cochrane Deutschland auf der Konferenz. Symptomatisch dafür seien zunehmende Vielfachveröffentlichungen von Studien. Mitverantwortlich dafür seien falsche Anreizmechanismen an den Universitäten.

Statt langen Listen mit Veröffentlichungen, die für die Karriereentwicklung von Wissenschaftlern beispielsweise im Rahmen von Habilitations- und Berufungsverfahren ausschlag­gebend sind, sollten die wirklich für die Verbesserung der Patienten­versorgung relevanten Publikationen berücksichtigt werden.

Antes kritisierte in diesem Zusammenhang die leistungsorientierte Mittelvergabe an universitären Einrichtungen und forderte ein Umdenken. Insbesondere die Fokussierung auf den Impact Factor habe mit dafür gesorgt, dass vor allem die Menge an Publikationen zähle. Der Impact Factor ist eine errechnete Zahl, die darüber Auskunft gibt, wie oft Artikel einer bestimmten Zeitschrift in anderen Publikationen zitiert worden sind.

Eine weitere Ursache der Mengenausweitung von Publikationen sind laut AWMF wirtschaftliche Interessen von Verlagen und Zeitschriften. „Leider wird das zur Förderung der Wissenschaftsfreiheit von der AWMF unterstützte Open-Access-Verfahren, welches die freie Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen per Bezahlung durch die Autoren sicherstellen soll, zunehmend durch sogenannte Predatory Journals unterwandert, die sich durch von Autoren bezahlte Publikationen finanzieren, aber die notwendige Qualitätssicherung – Peer-Review-Verfahren – nicht gewährleisten“, sagte Christoph Herrmann-Lingen, Leiter der ständigen AWMF-Kommission Leistungsevaluation in Forschung und Lehre.

Er empfahl Autoren, sich an Positivlisten seriöser Open-Access-Journale zu orientieren, wie sie vom Directory of Open Access Journals und von der AWMF geführt würden.

Ina Kopp, Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement, wies darauf hin, dass rund 50 Prozent aller randomisierten klinischen Studien niemals publiziert würden. Insbesondere unerwünschte Studienergebnisse gelangten oft nicht an die Öffentlichkeit. „Die offizielle Registrierung aller Studien und die Veröffent­lichung aller Studienergebnisse müssen verpflichtend sein“, forderte sie. Nur so sei eine Qualitätssicherung möglich.

Die AWMF forderte Forscher, medizinische Fakultäten, medizinische Verlage und die Bundesregierung auf, Maßnahmen gegen Fehlsteuerungen zu ergreifen. „Medizinische Wissenschaft ist ein hohes Gut, da sie unmittelbaren Einfluss auf die Behandlung von Patienten hat. Wir können es uns als Gesellschaft nicht leisten, tatenlos zuzusehen, wie unseriöses Wissen die medizinische Behandlung infiltriert“, betonte Kreienberg. © hil/aerzteblatt.de

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